
Ich verbinde, was zu oft
getrennt wird
Dr. Chantal Schlatter —
eidg. dipl. Apothekerin, Dr. pharm., und Lehrende für Nervensystem, Beziehung
und Sexualität
Woher ich komme
Ich komme aus der Pharmazie. Studium, Abschluss als eidg. dipl. Apothekerin, Promotion (Dr. pharm.), und dann über zwanzig Jahre an der Schnittstelle von Forschung, Klinik und Gesundheitskommunikation — viele davon als Redaktorin und Chefredaktorin.
Ich liebe die Wissenschaft. Und irgendwann sah ich ihre Grenze: Sie behandelt Symptome, arbeitet an Mechanik und Struktur. Doch was Menschen wirklich erschöpft, krank macht, entfremdet, sich zurückziehen und leiden lässt, bleibt oft unberührt.
Was mich bewegt hat
Dann ging ich einen Schritt, den man von einer promovierten Pharmazeutin nicht erwartet: Sechs Jahre habe ich als Tantra-Massage-Therapeutin gearbeitet. Kein Bruch mit der Wissenschaft — ihre Ergänzung. Was mir in Studium und Klinik gefehlt hatte, der Körper als Ort von Geschichte, Schutz und Sehnsucht, wurde hier konkret.
Vor allem aber waren es die Gespräche. In diesen Jahren haben mir unzählige Menschen anvertraut, wie viel Distanz in ihren Beziehungen herrscht. Wie viel Leid sich rund um Sexualität ansammelt. Wie einsam man sich fühlen kann, mitten in einer Partnerschaft. Und wie selten das am Wollen liegt — fast immer an fehlender Sicherheit, an Scham, an Sprachlosigkeit.
Auch meine eigenen Erfahrungen mit Nähe und Sexualität führten mich tiefer in dieses Feld. Irgendwann verstand ich: Auch meine Schwierigkeiten waren kein Charakterfehler. Es waren Reaktionen meines Nervensystems. Das hat alles verändert. Ich hörte auf, mich zu schämen, und begann, in mir selbst Sicherheit zu schaffen — und damit veränderte sich, wie ich liebe.
Warum ich das tue
Ich habe sieben Kinder grossgezogen. Vieles, was ich heute weiss, wusste ich damals nicht — auch nicht, als meine Ehe zerbrach. Aus dieser Zeit habe ich etwas gelernt, das mich bis heute antreibt: wie viel Schaden fehlendes Bewusstsein anrichtet — über das Nervensystem, die eigenen Prägungen und Glaubenssätze, über die Unterschiede zwischen Mann und Frau, über Nähe, die langsam verschwindet, ohne dass jemand schuld ist.
Scham, Sprachlosigkeit, dieselben Muster — vieles davon wandert unbemerkt von einer Generation zur nächsten. Genau diese Weitergabe möchte ich unterbrechen. Bei mir. Und damit auch bei denen, die nach mir kommen.
Und ich möchte mehr Verständnis zwischen Mann und Frau in die Welt bringen. Dazu verbinde ich Medizin und Wissenschaft mit Körperarbeit — und mit dem, was Menschen am meisten bewegt: ihre Beziehungen und Intimität — emotional wie körperlich.
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Heute
Heute verbinde ich beides: das medizinische Wissen und die Körperarbeit. Ich zeige, wie eng Prägung, Nervensystem, Lust, Sicherheit, Stress und Beziehung zusammenhängen — und wie viel sich ändert, wenn man das versteht.
Vieles beginnt damit, dass wir einen Sinn verlernt haben — die Fähigkeit, das Innere des eigenen Körpers zu spüren. Die Wissenschaft nennt sie Interozeption. Wir funktionieren, wir leisten, wir sind für alle da — und nehmen dabei immer weniger wahr, was in uns vorgeht: Erschöpfung, Anspannung, das leise Nein im Bauch, bevor der Kopf es begreift. Der Weg zurück führt nicht über noch mehr Tun, sondern über das Gegenteil: Wir müssen wieder besser fühlen lernen, ums uns besser zu fühlen.
Dabei stossen wir auf das, was uns unbewusst steuert. Alte Glaubenssätze, früh gelernte Muster, Sätze über uns selbst, die wir nie hinterfragt haben. Viel Leid entsteht nicht aus bösem Willen, sondern daraus, dass wir nicht erkennen, was in uns wirkt. Sich selbst zu verstehen ist der Anfang von Veränderung.
Das zeigt sich besonders in der Begegnung mit einem anderen Menschen — und gerade zwischen Frau und Mann. Wie unterschiedlich wir oft fühlen, uns regulieren, uns nach Nähe sehnen. Wir deuten einander durch die eigene Brille, statt uns wirklich zu verstehen:
Alles, was keine Liebe ist, ist wahrscheinlich ein Missverständnis.
Und all das — der Kontakt zu sich selbst, die eigenen Muster, das Verstehen zwischen zwei Menschen — läuft an einem Ort zusammen: in der Sexualität. Sie ist für mich kein Randthema. Sie gehört zum Leben, zur Gesundheit, zur Beziehung. Und ich sehe sie anders, als wir es gelernt haben. Wir machen Sex zu mechanisch und zu wenig energetisch. Zu sehr im Kopf und zu wenig im Körper. Zu sehr im Performen und zu wenig im Spüren. Wir haben gelernt, Sexualität als Technik zu verstehen, als etwas, das man richtig oder falsch macht — und dabei das Eigentliche verloren: die Präsenz im eigenen Körper und echte, tiefe Verbindung zu einem anderen Menschen.
Wir haben eine ganze Gesellschaft im Kopf aufgeklärt und im Körper allein gelassen.
Genau diese Lücke möchte ich schliessen.
Wofür ich stehe
Würde statt Scham.
Spüren statt Grübeln.
Selbstkenntnis statt Reaktion.
Klartext statt Drama.
Verbindung statt Funktionieren.
Erleben statt Theorie.

